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O Mensch

Es menschelt überall. Geradezu inflationär wird das Wort Mensch verwendet. Es verdrängt Wörter wie jemand, man, Leute, Personen – und das ist eigentlich ein recht neues Phänomen. Vor wenigen Jahren hätte man solche Sätze zum Beispiel kaum in einer Zeitung entdecken können:

 

Es kamen drei Menschen ums Leben.
Die Beziehung zwischen Mensch und Heimtier basiert auf Vertrauen.
Sind Menschen, die dauernd Smileys benutzen, dumm?
Die Menschen im Dorf waren verängstigt.
Das Stadion war voll mit Menschen.
Zehn Menschen waren auf der Party.
Menschen, die fleißig sind, werden belohnt.
Wie viel Wasser sollen Menschen trinken?

 

Die Sätze lauteten eher so:

 

Es kamen drei Personen ums Leben.
Die Beziehung zwischen Halter und Heimtier basiert auf Vertrauen.
Sind Leute, die dauernd Smileys benutzen, dumm?
Die Dorfbewohner waren verängstigt.
Das Stadion war voll mit Zuschauern.
Zehn Gäste waren auf der Party.
Wer fleißig ist, wird belohnt.
Wie viel Wasser soll man trinken?

 

Falsch ist es sicher nicht, wenn ständig von Menschen die Rede ist. Aber oft sind diese Formulierungen umständlich oder unpräzise: Das kurze wer ist eleganter als ein holpriges Menschen, die. Und wer sich im Stadion ein Fußballspiel anschaut, ist ein Zuschauer und nicht bloß ein Mensch im Stadion. Sich kürzer und präziser auszudrücken, ist eben immer besser.

Was mich am meisten stört, ist aber, dass diese Umschreibungen mit Mensch oft übermäßig pathetisch klingen – so als wollte man hochphilosophische Aussagen über die Menschheit an sich oder die gesamte Gattung des Homo sapiens machen. Wenn erwähnt wird, dass an der Bushaltestelle drei Menschen warteten, fragt man sich doch: Was sonst soll da warten? Vielleicht Maultiere? Denn ein bescheideneres Leute hätte es auch getan.

Mich erinnern solche Sätze oft an das Menschheitspathos expressionistischer Lyrik, an Verse wie Franz Werfels „Mein einziger Wunsch ist, Dir, o Mensch, verwandt zu sein!“ (An den Leser, 1911) Wenn es um vergleichsweise banale Dinge geht (Ein Mensch führte im Regen seinen Hund Gassi), kann das hochtrabend klingende Wort Mensch mitunter sogar komisch wirken – verleiht es einer solchen Aussage doch ein viel zu hohes Gewicht.

Dass immer häufiger von Menschen die Rede ist, mag einem politisch korrekten Sprachgebrauch geschuldet sein: Man umgeht so das generische Maskulinum wie bei Zuschauer oder auch das kleine Wörtchen man. Aber möglicherweise hat es auch mit Phantasielosigkeit zu tun und mit einer sprachlichen Nachlässigkeit, die sich mit unpräzisen Umschreibungen zufriedengibt. Ein Gewinn für die deutsche Sprache ist diese Menschelei jedenfalls nicht.