Nicht für jeden geeignet: Minimalismus

Die Welt ist kein Dorf

Zum neuen Jahr wollte ich in der Wohnung ein paar Kleinigkeiten reparieren lassen und habe deshalb auf einer Internetplattform nach einem Handwerker gesucht. Als ich die Angebote durchsah, achtete ich zuerst, beinahe intuitiv, darauf, ob die Anbieter aus der Nähe kamen: Wer sein Geschäft um die Ecke hatte oder zumindest in Frankfurt lebte, kam gleich in die nähere Auswahl. Eine solche Entscheidung läßt sich gewiß nicht rational begründen. Doch auch bei meinen Kunden beobachte ich oft Ähnliches: Die Mehrheit kommt aus Frankfurt und Umgebung. Vielen ist es wichtig, einen Dienstleister persönlich sehen zu können, obwohl ein solches Treffen oft doch nicht zustande kommt. Dateien werden per Mail verschickt, man bespricht alles per Telefon, Skype oder E-Mail.

Daß die Kommunikation sich immer mehr in dem virtuellen Raum verlagert, die Arbeit von Textern oder Webdesignern sogar über hohe Distanz erledigt werden kann, ändert nichts an dem Bedürfnis, anderen zu begegnen. Man möchte Vertrauen gewinnen, bevor man mit jemandem ein Geschäft anbahnt. Man sucht nach etwas Verbindendem, und sei es nur der Wohnort. Die Virtualität des Internet, die unbegrenzten Möglichkeiten, die es bietet, wirken dagegen irritierend: Woher soll man wissen, ob ein Angebot echt und seriös ist, ob der Anbeiter vertrauenswürdig ist, ob er überhaupt exisitiert? Während große Unternehmen viel dafür tun müssen, Kunden an sich zu binden, genießt der Handwerker auf dem Dorf einen unschlagbaren Vorteil. Er gehört zur Gemeinschaft, man kann ihn zufällig auf der Straße treffen, und wenn er nicht ordentlich arbeiten würde, würde es sich herumsprechen. Außerdem ist er unzweifelbar echt.

Überhaupt: das Dorf. Seit etlichen Jahren glorifizieren Medien und Konzerne den Arbeitsnomaden, der stets bereit ist, seine Siebensachen zu packen, seine Freunde und seine Familie zu verlassen und für einen neuen Job ans andere Ende der Welt zu ziehen. Die dazugehörige Ästhetik ist der vom kulturellen Mainstream beschworene Minimalismus. Alles ist reduziert auf Zweckmäßigkeit, Funktionieren, nichts ist mehr da, was einen berührt und ein Gefühl von Zuhausesein entstehen läßt. Auch dies ist, wie die unendlichen Weiten des Netzes, eine Form von Entgrenzung.

Doch die wenigsten entscheiden sich freiwillig für ein solches Leben. Wenn ich an Weihnachten in meinem Heimatdorf bin und mich mit früheren Schulfreundinnen treffe, fühle ich mich wie ein Exot, weil ich in einer 120 Kilometer entfernten Stadt wohne. Ein paar aus dem Jahrgang sind weggezogen, einer soll, was ich jedoch für ein Gerücht halte, Barkeeper in New York geworden sein. Weitaus die meisten sind geblieben. Sie wollten nie Arbeitsnomade mit minimalistisch optimiertem Wohnumfeld sein, sondern dort leben, wo sie aufgewachsen sind, in der Sonne spazierengehen, die Menschen auf der Straße treffen, mit denen sie als Kind schon gespielt haben, mit ihnen Witze machen, in der Nähe der Eltern wohnen, sich im Karnevalsverein engagieren, mit den Kindern in der Dorfkirche in den Kindergottesdienst gehen. Und statt den Besitz zu reduzieren, um beweglicher zu sein, sammeln die meisten lieber unnütze Dinge, die ihnen gefallen – ich denke da an meine weder umzugstaugliche noch sonderlich wertvolle Sammlung alter Porzellantassen. Zum Leben gehören eben Bindung, Gewohnheit, Gemeinschaft und der Wunsch nach Überfluß. Daran ändert auch die moderne Arbeitswelt nichts.