E-Books

E-Books: Es ginge auch ohne sie …

E-Books seien „alberne Dateien, die gern Bücher wären, aber niemals sein dürfen“. Friedrich Forssman fällt im Suhrkamp-Blog ein hartes Urteil über das neue Medium. Sein Text ist polemisch, angriffslustig und recht mißgelaunt, liest sich aber – oder gerade deshalb – unterhaltsam. Selbst wenn man sich seinem harten Urteil nicht anschließen möchte, erscheinen seine Argumente durchaus plausibel:

 

  • E-Books sind flüchtig – wer weiß, wie lange ihre Formate noch lesbar sind und wie lange es Geräte gibt, auf denen sie gelesen werden können.
  • Die Texte sind nicht sauber lektoriert – dies ist jedoch ein Problem der ganzen Buchbranche. Das gedruckte Wort, das sprachliche Niveau neuerer Bücher und der gesamten Presse befindet sich in einem Verfallsprozess. Dies jedoch hier nur als Nebenbemerkung. Es ist auch bekannt, daß viele Verlage nicht bereit sind, Lektoren einen Stundensatz zu zahlen, von dem sie leben können. Auch beim Korrektorat wird gespart – vor kurzem erfuhr ich etwa, daß ein großer Verlag seinen Korrektoren weniger als 1 € pro Normseite bezahlt. Wenn schon die Großen der Branche auf gutes und fehlerfreies Deutsch keinen Wert mehr legen – wieso sollte der E-Book-Autor, der bei Amazon für  99 Cent seinen Romanerstling verkauft, es ihnen dann nicht gleichtun?
  • E-Books könnten überarbeitet und zensiert werden: Forssman entwirft ein interessantes, an Orwell erinnerndes Szenario. Man lädt ein Buch, das man gekauft hat, neu und erhält eine abgeänderte Version, „vielleicht mit gerechterer Sprache oder noch neuerer Rechtschreibung oder dort neuerdings gekürzt, wo vorher diese Länge nach dem ersten Drittel war“.

 

Ich nutze E-Books. Allerdings habe ich bei meinen Büchern eine Art Zwei-Klassen-Gesellschaft errichtet: Die Bücher, die einen Wert für mich besitzen und die ich immer wieder lese, möchte ich als gedruckte und möglichst schöne Ausgabe besitzen. Dostojewski steht natürlich im Bücherregal. Wenn ich jedoch von vornherein weiß, daß ich mir ein Buch nicht in den Schrank stellen möchte, kaufe ich es lieber als E-Book. Beispiele gibt es genug: Ratgeberbücher, die meist nicht sehr ansprechend gestaltet sind und die man nur einmal liest; Bücher, die rasch an Aktualität verlieren, weil sie Wissen präsentieren, das schnell veraltet; schlechte Krimis, die man liest, wenn man mit einer Grippe im Bett liegt; einige Nachschlagewerke. Deshalb widerspreche ich Forssman, wenn er verlangt, „daß alles, was wert ist, gelesen zu werden, weiterhin gedruckt wird. Und das schließt nicht nur die Hoch-, sondern auch die Flachliteratur ein und auch den Mist und die Graue Literatur und Landkarten und Reiseführer und Prospekte und alles, wovon wir froh sind, daß es das aus alten Zeiten noch gibt.“

Denn viele der Bücher, die heute in vorher nie gekannter Menge auf den Markt geworfen werden, sind bestenfalls in Buchform gepresste Heftchenromane – billig produziert in der Hoffnung auf Gewinn. Diese sollten nicht als Bücher gedruckt werden: Denn sie geben dann vor, etwas zu sein, was sie nicht sind. Ein E-Book ist in diesem Fall die geeignetere Form, wenn es denn kein Heftchenroman sein soll. Viele der E-Books von Selbstvermarktern sind ebenfalls Heftchenromane – aber in Dateiform. Das Gesamtbild, das sich aus diesen Beobachtungen ergibt, ist durchaus pessimistisch: einerseits Verlage, die sich mehr als früher an den Gesetzen des Marktes orientieren und vor allem auf Kostenoptimierung und hohe Verkaufszahlen bedacht sind – und zwar auch deshalb, weil sie durch die neuen Medien unter Druck gesetzt werden und den neuen Entwicklungen hinterherlaufen, statt eigene Akzente zu setzen. Andererseits der E-Book-Markt, dem jede ordnende Instanz fehlt, der wild ist, oft auch unappetitlich, realistisch betrachtet vielleicht eine große Müllhalde mit verborgenen Perlen.

Wie dem auch sei: Einige Texte besitze ich lieber als E-Book, weil ich mich nur schwer dazu überwinden kann, ein Buch wegzuwerfen. Bücher haben für mich Anteil an der Aura des Numinosen, die heilige Schriften umgibt. Sie sind für mich in gewisser Weise unantastbar. Diese Aura ist jedoch an ihre materielle Form gebunden. Und vielleicht ist dies der Grund, warum man sich Dinge besser merken kann, die man in einem Buch gelesen hat. Texte in Dateiform mögen hochvergeistigt sein, weil ihnen jede Materialität fehlt. Doch der Leser, ein Mensch aus Geist und Fleisch, versteht das besser, was ihm ähnlich ist. So bleiben Lesen und Verstehen sinnliche Prozesse. Und da beim Lesen eines Buchs mehr Sinne beteiligt sind als beim Lesen einer Datei, hinterlassen sie einen stärkeren Eindruck.