Rätselhafte Extrovertierte

In letzter Zeit sind wir zu Trendsettern geworden, obwohl es viele von uns gar nicht mögen, wenn man sie ins Rampenlicht zerrt. Es gibt Bücher über uns und Titelgeschichten von Zeitschriften. Wir, die Introvertierten. Die Stillen, Nachdenklichen, Unverstandenen, die nicht selten leise im Hintergrund arbeiten und das sogar gerne tun.

Das Wort „introvertiert“ begegnete mir zum ersten Mal, als 13 war – ich hatte gerade mein Interesse an Psychologie entdeckt. In der Beschreibung erkannte ich mich sofort wieder, sie half mir, mich selbst besser zu verstehen. Später erfuhr ich, daß dieser Begriff für viele einen negativen Beigeschmack hat. Und noch immer halten die meisten Extraversion für normal, Introversion für die Abweichung, auch wenn, wie ich in letzter Zeit oft gelesen habe, der Anteil Introvertierter bei 30–50 Prozent liegen soll. Und im Grunde auch gar nichts Spektakuläres dahintersteckt, wie mein eigenes Beispiel sicher zeigt: Ich denke viel nach, lese viel, ziehe ungern in einem großen Pulk abends durch die Stadt, liebe intensive Gespräche zu zweit oder dritt und würde nie eine Gruppenreise machen. Ich bin kein Nerd, gebe gerne Unterricht und kann gut Vorträge halten und Gespräche moderieren. Und ich weiß, daß ich mich als Introvertierte in guter Gesellschaft befinde, mit Leuten wie Günther Jauch oder Bill Gates.

Als im letzten Jahr einige Bücher über Introversion erschienen,  habe ich mich zunächst gefreut. Ich spreche von folgenden Titeln:

 

Alle drei sind gute, informative, kenntnisreiche Bücher, aus denen ich viel gelernt habe. Und doch würde ich mir mal einen Ratgeber wünschen, der das Verhalten der Extrovertierten erklärt. Geschrieben aus der Perspektive der Introvertierten. Denn die einen wirken auf die anderen genauso rätselhaft wie umgekehrt.

Ich habe mich zum Beispiel immer darüber gewundert:

… wieso es extrovertierten Menschen gelingt, sich ohne lange zu überlegen zu allen möglichen Fragen zu äußern. Bei Devora Zack las ich, daß sie ihre Gedanken beim Reden formen können. Also: Introvertierte denken erst, reden dann, bei Extrovertierten geht beides gleichzeitig. Ich gebe zu, das finde ich beneidenswert.

… wieso Extrovertierte nicht müde werden, wenn sie die ganze Nacht mit vielen Menschen zusammen feiern. Sylvia Löhken erklärt, daß Extrovertierte ihre Kräfte zurückgewinnen, wenn sie mit anderen Menschen zusammen sind, Introvertierte hingegen, wenn sie allein sind. Das entspricht meinen Erfahrungen. Ich unternehme gerne etwas mit anderen Leuten, brauche zum Erholen aber  Zeit für mich. Durch das Alleinsein gewinne ich neue Energie.

…  wieso für Extrovertierte die Reaktionen ihrer Umwelt so wichtig sind. Ich glaube, das hat damit zu tun, daß sie stark nach außen gewandt sind und daher mehr Reize und Eindrücke und mehr Austausch brauchen. Bei Gruppenarbeiten blühen sie auf, sie entsprechen ihrem Wesen. Introvertierte arbeiten oft lieber länger allein an einer Sache, bevor sie sich mit anderen über die Ergebnisse austauschen.

Es mag vielleicht aussehen, als stammten Introvertierte und Extrovertierte von verschiedenen Planeten (ich glaube, Devora Zack benutzt dieses Bild). Doch eigentlich ist es nicht schwer, den anderen zu verstehen – man darf nur nicht davon ausgehen, daß jeder so tickt wie man selbst. Doch genau darin scheint eine besondere Herausforderung zu liegen: Vor allem in der Arbeitswelt wird Extraversion als Normalfall oder sogar als Ideal dargestellt. Die spezifischen Fähigkeiten Extrovertierter  werden von allen eingefordert. Wenn dies dazu führt, daß Introvertierte sich verstellen müssen, finden sie nicht den Raum, ihre Fähigkeiten auszuleben. Das Ideal sollte daher nicht Extraversion heißen, sondern ausgewogen beide Seiten zu berücksichtigen.