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Wenn Englisch das Problem ist

Als ich vor ein paar Jahren Urlaub auf Norderney gemacht habe, habe ich das Nordsee-Flair sehr genossen: Möwengeschrei, Strandkörbe, der Geruch von Meerwasser. In den Souvenirläden gab es Plüschmöwen, Sanddornlikör, Quittengelee, Kandissticks und Möweneier aus Marzipan zu kaufen. Doch als ich ein Schild im Schaufenster eines Modegeschäfts las, fühlte ich mich zurückversetzt in eine beliebige Großstadt: „Buy a jacket! Get a scarf for free!“ stand dort zu lesen.

Eine Jacke kaufen, ein Halstuch gratis

Ob diese Werbekampagne den Jackenverkauf wirklich anheizen konnte? Oder verebbte sie womöglich wirkungslos? Die Endmark GmbH untersucht regelmäßig die Verständlichkeit englischer Werbeslogans – und die Ergebnisse dieser Studien geben viel Grund zur Skepsis: Selbst einfache Sprüche werden von vielen Deutschen nicht richtig verstanden. Wenn es komplizierter wird, sind der Phantasie wenig Grenzen gesetzt: Der Jaguar-Slogan „How alive are you?“ wurde von einigen Befragten übersetzt mit „Wie überlebst du?“ – für einen Autohersteller sicher keine gute Werbung. Die Aufforderung „Buy a jacket! Get a scarf for free!“ dürfte daher wahrscheinlich eher zu einer Flut an Missverständnissen geführt haben als zu leeren Verkaufsständern.

Englisch als Firmensprache – viele Unklarheiten

Doch nicht nur englische Werbesprüche können dem Erfolg eines Unternehmens schaden. Es kann auch fatale Auswirkungen haben, wenn deutsche Unternehmen Englisch als Firmensprache einführen. Warum dies so ist, erklärte die Unternehmensberaterin Claudia Schmidt in einem lesenswerten Interview, das sie kürzlich der WirtschaftsWoche gegeben hat:

Gerade bei komplexen Themen häufen sich dann Missverständnisse, Fragen werden gar nicht erst gestellt, weil man nach der richtigen Formulierung sucht und Antworten nicht en Detail verstanden, was gerade bei Veränderungsprozessen natürlich fatal ist. Letztlich wird die gesamte Diskussion völlig ohne Not unter dem möglichen und notwendigen intellektuellen Niveau geführt.

 

Informationen werden oft also weder gut vermittelt noch richtig verstanden. Viele Mitarbeiter trauen sich nicht, Fragen zu stellen – aus Angst vor einer Blamage. Andere überschätzen ihre Englischkenntnisse und merken es nicht einmal, dass sie ihre Ideen nur schlecht ausdrücken können – Hauptsache, man wirkt besonders gebildet und weltläufig.

Unvernünftige Selbstbeschränkung

Ohne Zweifel: Wirtschaft und Wissenschaft brauchen eine Lingua franca, und ohne Englischkenntnisse bleiben viele Märkte verschlossen. Doch es ist wichtig, die eigenen Grenzen zu kennen. Es ist eine unvernünftige Form der Selbstbeschränkung, wenn man für den gemeinsamen Austausch eine Sprache wählt, die die Beteiligten nicht qualifiziert beherrschen. Denn komplizierte Zusammenhänge kann man oft nur in der Sprache adäquat ausdrücken, die man am besten beherrscht. Noch schwieriger ist es, die feinen Schwingungen, die den Umgang miteinander bestimmen, in einer fremden Sprache zum Ausdruck zu bringen. Humor, Ironie und Sprachwitz entfallen ohnehin ersatzlos – denn dafür braucht man hervorragende Sprachkenntnisse.

Wohl niemand würde versuchen, mit Boxhandschuhen eine SMS zu schreiben. Denn es würde nur Kauderwelsch herauskommen – das Werkzeug ist einfach zu grob. Auch eine Fremdsprache kann sich als zu grobes Werkzeug erweisen: Wenn man sie nicht genug beherrscht, um Feinheiten auszudrücken. Dann entstellt man die eigenen Ideen, so gut sie auch sein mögen.

An dieser Stelle sei Wolf Schneiders wunderbares Buch „Speak German! Warum Deutsch manchmal besser ist“ empfohlen – ein amüsant zu lesendes Plädoyer für die deutsche Sprache. Wolf Schneider schätzt die Englischkenntnisse der Deutschen ausgesprochen pessimistisch ein: „Rund 60 Prozent können nicht Englisch – und von den 40 Prozent, die es zu beherrschen behaupten, haben offensichtlich viele übertrieben.“ (Kapitel 10) Ob er damit wohl recht hat?