Alle Artikel mit dem Schlagwort “Lektorat

Der Gorilla-Effekt beim Lektorat

Stellen Sie sich vor, bei einem Basketballspiel mischt sich ein Gorilla unter die Spieler. Oder vielmehr: eine Frau in einem Gorillakostüm. Sie spaziert über das Spielfeld und trommelt sich auf die Brust. Sie versucht alles, um auf sich aufmerksam zu machen. Doch viele Zuschauer bemerken sie trotzdem nicht. Kaum zu glauben, oder?

Doch genau das geschah bei einem berühmten Wahrnehmungsexperiment. Dabei führten die US-Wissenschaftler Daniel Simons und Christopher Chabris den Probanden ein kurzes Video vor. Der Film zeigte zwei Teams bei einem Basketball-Spiel. Die Versuchspersonen sollten sich auf eine der beiden Mannschaften konzentrieren und zählen, wie oft sich die Spieler den Ball zuspielten. Danach wurden sie gefragt, ob ihnen etwas Ungewöhnliches aufgefallen sei. 46 Prozent der Probanden antworteten mit Nein. Dass ein Gorilla über das Spiel gelaufen war, hatten sie nicht bemerkt. So sehr waren sie in ihre Aufgabe vertieft gewesen.

Dieses Experiment zeigt: Wenn man seine Aufmerksamkeit auf eine Sache richtet, blendet man andere Aspekte oft völlig aus. Denn unser Gehirn muss die große Datenmenge, die auf uns einströmt, filtern. Sonst könnte es nicht arbeiten, weil seine Kapazität begrenzt ist. Deshalb wählt es genau aus, welchen Reizen es seine Aufmerksamkeit schenkt. Und wer gerade konzentriert Bälle zählen muss, kann auch mal einen Gorilla übersehen.

Was das nun mit Lektorat zu tun hat? Ich werde ab und zu gefragt, ob ich nicht Lektorat und Korrektorat in einem Arbeitsgang erledigen könne. Das ist aber eine ganz schlechte Idee. Denn die Aufmerksamkeit richtet sich dabei auf ganz unterschiedliche Dinge. Ein Lektor achtet auf Inhalt, Tonalität und Textstruktur. Oft gestaltet er den Text neu, verleiht ihm eine neue Dramaturgie und einen einheitlichen Stil, streicht Überflüssiges, überprüft die Fakten im Text, kürzt Sätze, eliminiert Füllwörter … Mehr als genug Aufgaben fürs Gehirn. Rechtschreibfehler nimmt man beim Lektorieren nur zufällig wahr, das weiß ich aus langer Erfahrung. Beim Korrekturlesen ist es umgekehrt. Da achtet man nur auf Rechtschreib-, Zeichensetzungs- und Grammatikfehler. Den Inhalt nimmt man kaum wahr. Und wenn mitten in einem Text über eine Baseballmeisterschaft plötzlich ein Satz auftaucht wie „Gorillas sind ziemlich auffällige Tiere“ – dann merkt das der Korrektor möglicherweise gar nicht. Wenn man versucht, beide Aufgaben – Lektorat und Korrektorat – gleichzeitig zu erledigen, funktioniert also beides nur halb. Bestenfalls.

Mehrere Arbeitsgänge sind also kein Luxus, sondern Pflicht. Am besten sollten für Lektorat und Korrektorat ohnehin verschiedene Lektoren eingesetzt werden. Denn ein gründlich lektorierter Text ist fast wie ein selbstgeschriebener Text. Und in selbstgeschriebenen Texten nimmt man Fehler nur sehr schwer wahr. Auch da spielt uns das Gehirn einen Streich.

Buchmarkt: Keine Chance auf Veröffentlichung?

Falsche Erwartungen werden gewöhnlich von der Wirklichkeit korrigiert. Manchmal hat man aber auch unrealistische Bilder im Kopf, an denen man gerne festhält. So geht es Autoren oft mit den großen Verlagen: Gerne möchte man in ihnen Institutionen sehen, die sich der Literaturförderung verschrieben haben und sich daher nicht vorrangig von wirtschaftlichen Überlegungen leiten lassen. Eine Vorstellung, die noch immer weitverbreitet ist.

Wenig Chancen für neue Autoren

Doch der Alltag im Verlag sieht anders aus. Als Studentin habe ich ein Praktikum bei einem großen Publikumsverlag gemacht. Jeden Morgen lag ein Stapel unaufgefordert eingereichter Manuskripte auf meinem Schreibtisch.  Ich sollte sie prüfen, und das bedeutete: ein paar Seiten lesen und in der Regel gleich einen Absagebrief schreiben. Wenn ein Manuskript gut ist: an den Verlagslektor weiterreichen. Dass es unmöglich war, alle Texte gründlich zu lesen, lag für mich auf der Hand: Die Masse der Manuskripte wäre sonst gar nicht zu bewältigen gewesen.

Ich fragte einen Lektor, ob man mit einem unaufgefordert eingereichten Manuskript überhaupt eine Chance habe. Da erzählte er mir eine Geschichte: Nur einmal hatte er einen Roman eines unbekannten Autors in den Händen, den er gerne herausgebracht hätte. Er hatte ihn sogar bei der verlagsinternen Lektorenkonferenz vorgeschlagen. Angenommen wurde der Roman jedoch nicht: Denn der Autor war schon über 50 – zu alt, um sich gut vermarkten zu lassen, sagte der Lektor.

Das ist natürlich schon lange her. Ein kürzlich erschienener Spiegel-Artikel bestätigt jedoch, dass sich in der Zwischenzeit nicht viel geändert hat. Der Artikel ist aus der Perspektive eines Verlagslektors geschrieben. An dem arroganten Grundton, den man manchmal heraushört, kann man sich zwar stören. Dennoch ist der Artikel aufschlussreich. Der wichtigste Satz ist sicher folgender: „Viele Schreiber sitzen einem Missverständnis auf: Als Verlag sind wir keine Literaturförderinstitution, sondern ein Unternehmen, das am Jahresende eine positive Bilanz liefern muss.

Verlage arbeiten gewinnorientiert

Das bedeutet: Verlage wollen mit ihren Produkten Gewinn machen, wie jedes andere Unternehmen auch. Sie bringen Bücher heraus, von denen sie glauben, dass sie sich gut verkaufen. Literaturförderung ist nicht ihr Metier, literarischer Anspruch wünschenswert, aber oft zweitrangig. Und was lässt sich gut verkaufen? Sicher keine sperrige Literatur, die ein Wagnis eingeht, sondern Texte, die einen Trend aufgreifen und eingängig geschrieben sind. Damit will ich keineswegs sagen, dass große Literatur nicht spannend sein kann und sich zwangsläufig schlecht verkauft. Sondern nur, dass die literarische Qualität eines Textes nicht entscheidend ist, wenn es ums Verkaufen geht. Auf der sicheren Seite ist ein Verlag mit marktkonformen Texten, die erprobten und gut funktionierenden literarischen Mustern folgen.

Dass gewinnorientierte Wirtschaftsunternehmen den Spielregeln des Marktes folgen, kann man ihnen nicht vorwerfen. Ablegen sollte man aber diesen rührend naiven Blick auf das Verlagswesen. Noch immer gibt es in der  Selbst- und Fremdwahrnehmung der Verlage gewaltige Brüche: Gerade die großen Verlage und ihre Lektoren zehren von dem Nimbus, Hüter und Mittler der Literatur zu sein. Ein Verlagslektor arbeitet oft ähnlich wie ein Projektmanager, doch viele Autoren halten ihn für einen Richter über den guten Geschmack. Sie fühlen sich persönlich getroffen, wenn ihr Manuskript abgelehnt wird – dabei bedeutet eine Absage meist nur, dass der Verlag denText nicht für verkaufsträchtig hält. Oder noch nicht einmal das, denn oft genug wirft nur ein Praktikant einen kurzen Blick auf die Texte und sie landen mehr oder weniger ungesehen im Papierkorb.

Alternativen für Autoren

Dennoch glaube ich, dass ein gutes Buch immer seinen Weg an die Öffentlichkeit finden kann. Denn natürlich gibt es auch Verleger, denen es vor allem um Literatur geht. Gerade die kleineren Nischenverlage bieten oft ein interessantes Programm und stellen sich der Aufgabe, Literatur zu entdecken und zu fördern. Und wer bereit ist, sein Buch selbst zu vermarkten, kann es als Selfpublisher herausbringen. Natürlich wünschen sich viele Autoren, bei einem bekannten Verlag unterzukommen. Doch weder ist das ein Ritterschlag für einen Dichter, noch ist eine Absage eine persönliche Niederlage. Es ist also höchste Zeit, die großen Verlage zu entzaubern.

 

Kommentare 0

Nur begrenzt zuverlässig: Korrektursoftware

Ich habe wenig Angst davor, dass Lektoren eines Tages von Korrektursoftware ersetzt werden könnten. Denn ich merke auch bei meiner Arbeit, wie schnell diese Programme an ihre Grenzen stoßen. Und die wichtigste Aufgabe können sie einem Lektor ohnehin nicht abnehmen: Texte sprachlich zu überarbeiten, sie schöner, eleganter und besser lesbar zu machen.

Ich nutze Korrekturprogramme täglich, ergänzend, als nützliches, kleines Werkzeug. Natürlich gibt es bessere und schlechtere: Die Rechtschreibprüfung von Word für Mac hatte in einem Dokument, das ich gestern bearbeitete, noch nicht einmal fehlende Leerstellen zwischen zwei Wörtern bemerkt. Rot unterkringelt waren lediglich ein paar Eigennamen. Darauf verzichtet man in der Tat besser ganz, um sich nicht in falscher Sicherheit zu wiegen.

Doch von den meisten Programmen kann man durchaus mehr erwarten: Tippfehler werden meistens erkannt sowie einige Zeichensetzungs- und Grammatikfehler (z. B. die Verwechslung von das und dass). In höherem Maße als anderen Programmen gelingt das dem Duden Korrektor, dem zur Zeit besten Korrekturprogramm auf dem Markt. Doch leider liegt da die Tücke im Detail. Auch dieses Programm versteht natürlich nicht die Texte, die es prüft, und erkennt nicht immer den Aufbau der Sätze. Die Folge: Es liegt mit seinen Fehlermeldungen nicht immer richtig. Um dies beurteilen zu können, muss man sich jedoch mit der deutschen Grammatik sehr gut auskennen. Also das ideale Programm für Lektoren, die die angezeigten Fehler auch selbst erkennen würden. Für normale Nutzer ist es dagegen nur bedingt geeignet. Dennoch würde ich empfehlen, Korrekturprogramme zu nutzen: Wenn Tippfehler zuverlässig angezeigt werden, ist schon viel gewonnen. Mehr kann man aber nach heutigem Stand nicht erwarten.